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Mandelstams Poetik des Gehens

seinen eigenen Begriff von Dichtung, für den der Luftstrom durch die Lippen elementar ist. Nadeshda Mandelstam erzählt, wie Mandelstam Melodien summte und mit den Lippen förmlich nach den Worten suchte.

Neben der Bewegung der Lippen versteht Mandelstam auch die Metaphern als Instrumente poetischer Sprache. Deshalb beschreibt Mandelstam Dichtung als einen „Kreuzungsprozeß“ (113) dieser beiden „Klangweisen“ (114), durch die Form und Inhalt so miteinander verwoben sind, dass die Form aus dem Inhalt, „aus einem nassen Schwamm oder Lappen“ (128), hervorgepresst wird (wie der Vers aus den Lippen). Auch die Metaphern unterliegen wie die Lippenbewegungen einem Strom der Veränderung. Die zweite Linie dieser Poetik, die sich dem Gehen verdankt, beschreibt damit die Bewegung der Metaphern und Vergleiche, die im Gespräch über Dante wie Staffelläufer durch den Text jagen und den Stab der Dichtung nach kurzer Strecke an den nächsten Läufer weitergeben. Gewandtheit und Bewegungsfreude des Körpers veranschaulichen in Mandelstams Dantelektüre Bildung, rasche Auffassungsgabe und eine rege assoziative Phantasie. „Bildung ist eine Schule der schnellsten Assoziationen. Du fängst alles im Flug auf, bist empfänglich für Anspielungen – das ist Dantes liebstes Lob. In Dantes ………………………………………