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Mandelstams Poetik des Gehens

das Sprechen unerlässlich ist, wird rhythmisiert. Mit den Muskeln als Antrieb und den Schritten als Taktgeber schafft das Gehen offensichtlich die physiologische Voraussetzung, dass im Einklang mit der Körperbewegung Emotionen und Gedanken in die Sprache des Gedichts münden können. „Den Schritt, verbunden mit dem Atem und gesättigt vom Gedanken, begreift Dante als das Grundprinzip der Prosodie“ (118). Diese Wirkung auf Puls und Atem erklärt die Bindung des Dichtens ans Gehen.

Die Bewegung des poetischen Sprechens wird durch einen Impuls angestoßen. Mandelstam nennt diesen Impuls porýv. Es ist ein mehrdeutiges russisches Wort: ein Riss, ein Bruch, ein Schwung, ein Andrang, ein Anfall, ein Aus und ein Aufbruch; ein Wort, das in Komposita Freuden und Wutausbruch, aber auch einen Windstoß bezeichnet, der die Laut werdenden Atemstöße des gehenden Dichters mitschwingen lässt. Der Windstoß des porýv beschreibt die körperlichmaterielle Linie einer Dichtung, die sich an den Lippenbewegungen des Dichters ablesen lässt und sich phonetisch verwirklicht. „Jedes Wort hat es eilig, zu explodieren, von den Lippen zu fliegen, wegzugehen, den andern den Platz freizumachen“ (116). Wenn Mandelstam, wie hier, über Dante und die italienische Sprache spricht, dann führt er zugleich auch ein Gespräch über ………………………………………